Vom Schwätzchen zum Streit
18. Jun 05 – 02:06Wenn man Deutsche und Italiener in Sachen Streitkultur vergleicht, dann kommt man zu ganz differenzierten Ergebnissen. Der Deutsche an sich streitet leiser und schüchtener. Vor allem weniger als Italiener. Doch wenn der Deutsche sich gezwungen sieht lauter zu werden, dann vergisst er schnell den von den Eltern mühsam beigebrachten Anstand und wird auf ein unerwartestes Maß derb und vulgär. Hier gilt die Faustregel - je lauter desto ordinärer. Nach dem Streit schämt sich der Deutsche, obwohl es einen guten Grund gab um sich zu streiten.
Und jetzt zu den Italienern. Sie streiten sich gerne. Eigentlich sehr häufig und besonders laut. In Italien gelten andere Lautstärkestandards. Die Autos, die Vesparoller, der Fernseher und die Leute sind einfach lauter. Ist ja auch logisch, denn man tritt in Konkurrenz zu anderen Lärmquellen. In Italien gehört die Streitlust zu den Charakterstärken. Man wird auch nicht vulgärer. Warum auch denn es gibt eigentlich keinen Grund dafür. Um streiten zu können, braucht man verschiedene Meinungen und Positionen. Davon gibt es reichlich in Italien. Zwar hat man laut der italienischen Verfassung auch ein Recht auf freie Meinungsäußerung, aber parallel gibt es dazu noch den gesellschaftlichen Meinungszwang. Jeder hat zu jedem Thema eine eigene Meinung. Und aus jeder Mücke wird ein Elefant. So lässt es sich genüßlich streiten. Aus jeder Nebensächlichkeit wird eine opernhafte Tragödie zur Belustigung der anderen inszeniert. Für Italien kann man auch eine Faustregel aufstellen. Je lauter gestritten wird desto belangloser der Grund. Wer sich nicht äußert oder gar Streitversuche ignoriert, gilt als merkwürdig oder als Deutscher.
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